Schon ab Frühling 2000 beschäftigte sich die «SonntagsZeitung» intensiv mit dem Niedergang der Swissair.

Ab Juni 2014 klopft en Beamte der «Task Force Radium» mit Strahlenmessgeräten an Dutzenden Wohnungstüren in Biel und La Chaux-de-Fonds. In 40 Häusern fanden sie schliesslich radioaktive Strahlendosen deutlich über dem Grenzwert. Ausgelöst wurde die millionenteure Strahlenschutzaktion durch einen Artikel des Recherchedesks von Tamedia. Dank Dokumenten aus dem Bundesarchiv fanden Titus Plattner und Dominik Balmer heraus, dass Heimarbeiter der Uhrenindustrie in Wohnungen und Ateliers bis in die 1960er-Jahre hoch radioaktive Leuchtfarbe auf Zifferblätter gepinselt hatten.

Seit Jahrzehnten enthüllen Journalisten von Tamedia, was Politiker, Manager oder Generäle gerne im Dunkeln belassen hätten. Arthur Rutishauser kündigte das Ende der Swissair an. Catherine Boss, Martin Stoll und Karl Wild deckten auf, wie Armeechef Roland Nef seiner Ex-Partnerin aufs Übelste nachgestellt hatte. Er musste abdanken. Christian Brönnimanns Artikel über einen der grössten Korruptionsfälle beim Bund sorgte für die Reorganisation einer ganzen Abteilung beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Aber wie arbeiten die Rechercheure bei Tamedia eigentlich genau? Und was ist dieser Recherchedesk?

Am 14. August 2014 hetzte ein Reporter des Recherche-desks quer durch Genf. Er verfolgte gerade einen Velodieb. Die Journalisten hatten zuvor ein Fahrrad mit einem GPS-Sender präpariert und absichtlich klauen lassen. Dann beobachteten sie den Standort des Velos auf dem Laptop. Als der Reporter das gestohlene Fahrrad einholte, stand es bereits im Schaufenster eines Secondhandladens – samt Preisschild (Fr. 299.90). Der Dieb war über alle Berge, doch der Bericht darüber machte international Furore.

Seit 2012 arbeitet ein Recherchedesk mit heute zehn Journalistinnen und Journalisten sowie zwei Praktikanten aus der französisch-und der deutschsprachigen Schweiz für Tamedia-Publikationen in beiden Sprachen. In diesen sechs Jahren hat das Team zahlreiche Artikel recherchiert und geschrieben, die Politiker, Beamte, Manager oder Militärs gern unter dem Deckel gehalten hätten.

Text: Thomas Knellwolf (Co-Leiter Tamedia-Recherchedesk)
Oliver Zihlmann (Ressortleiter
Redaktion Tamedia Deutschschweiz)

Innovative Ansätze

Das Beispiel zeigt eine der Triebkräft e des Recherchedesks: Kreativität. Es braucht innovative Ansätze, um Neues zu entdecken. So kamen die ersten grossen Projekte des Schweizer Datenjournalismus aus der Küche des Rechercheteams. Damals war es der preisgekrönte Unfallatlas von Martin Stoll und Julian Schmidli. Es folgten zahlreiche Daten-Scoops, etwa die Aufbereitung der Daten sämtlicher Altersheime von Alexandre Haederli und Catherine Boss oder die Auswertung der Asylentscheide von Schweizer Richtern durch Simone Rau und Barnaby Skinner.

Der Recherchedesk selber entstand 2012 unter der Schirmherrschaft von Verleger Pietro Supino. Heute arbeiten zehn Journalisten für das Team. Der Verleger sponsert zusätzlich je einen Praktikanten aus der West- und einen aus der Deutschschweiz, die im Team das Handwerk lernen.

Von Anfang an arbeiteten Journalisten aus den beiden Landesteilen eng zusammen. Ihre Recherchen erscheinen oft gleichzeitig auf Deutsch und Französisch in Tamedia-Zeitungen von Genf bis Zürich. Nicht immer ganz reibungsfrei: In Lausanne schüttelte man zuweilen die Köpfe wegen des «Panzer»-Schreibstils der Zürcher. Die wiederum ärgerten sich über allzu schwurbelige Nebensätze der Romands.

Am 2. Oktober kam es zum Grounding der Airline; später musste sie liquidiert werden.

Abseits vom Alltagsgeschäft

Die Kernidee aber wurde zum Erfolg: Der Recherchedesk gab seinen Journalisten die Möglichkeit, sich abseits vom Alltagsgeschäft auf Geschichten zu konzentrieren, die sonst unerzählt geblieben wären.

So kamen Recherchen zustande, die Schlagzeilen für die ganze Schweiz lieferten. Thomas Knellwolf zum Beispiel enthüllte im September 2014, dass eine IS-Zelle in der Schweiz operierte. Weltweit Schlagzeilen machte er zusammen mit Mario Stäuble mit einer Artikelserie rund um den Fifa-Skandal. Für ihre Recherchen zu SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli und über einen Zuger Häftling, der sich zu Tode gehungert hatte, erhielten Iwan Städler und Simone Rau jeweils den Zürcher Journalistenpreis. Mit Kurt Pelda und Bernhard Odehnal sind zwei weitere mehrfach ausgezeichnete Reporter mit breiter internationaler Erfahrung für den Recherchedesk tätig.

Seit 2012 schickt Tamedia jährlich eine Gruppe ihrer Journalisten zu einem dreiwöchigen Kurs für Investigative Reporting an die renommierte Columbia Journalism School in New York. Er ist ein Anknüpfungspunkt für Journalisten weltweit. Und er zeigt ein weiteres Markenzeichen des Recherchedesks: die weltweite Kollaboration.

Weltweite Kollaboration

Seit 2013 arbeitet das Team Hand in Hand mit Journalisten von «The Guardian», «Le Monde», «Süddeutsche Zeitung», «New York Times» und Dutzenden anderen Zeitungen. Tamedia-Rechercheure wie Mario Stäuble, Christian Brönnimann oder Marie Parvex leisteten wichtige Schweizer Beiträge für fünf Enthüllungsserien auf der Basis von grossen Datenlecks im Finanzsektor. Die Lecks hatten massive Auswirkungen – schweizweit und global.

Wegen Offshore-Leaks 2013 fiel das Bankgeheimnis in Österreich und Luxemburg; die Schweiz musste den automatischen Informationsaustausch einführen. Mit Swissleaks 2015 enthüllte der Recherchedesk einen massiven Geldwäscheskandal in Genf. Dank den Panama Papers im Jahr 2016 und den Paradise Papers 2017 kamen reihenweise zwielichtige Geschäft e in der Schweiz ans Licht. Wegen der Berichte verschärft der Bund nun die Aufsicht über die Anwälte. Den Rohstoff firmen drohen schärfere Gesetze.

Für die Panama Papers erhielt das weltweite Journalistenkonsortium inklusive dem Recherchedesk den Pulitzerpreis. Zu den zehn ausgezeichneten Beiträgen gehörte eine Recherche über die Geldgeschäft e von Wladimir Putins Entourage in Zürich, zu deren Autoren Oliver Zihlmann gehört.

Heute sind Datenjournalismus und internationale Zusammenarbeit Teil des Alltagsgeschäft s. Hindernisse gibt es allenfalls noch durch unterschiedliche Zeitzonen. Etwa bei Telefonkonferenzen im Rahmen der Paradise Papers. Beim Reporter des «Guardian» in Australien war es stets 23 Uhr. Er flüsterte, weil seine Kinder schon schliefen. Der Kanadier und der Schweizer waren dafür im Zeitdruck. Für den einen wars sechs Uhr in der Früh, die Kinder mussten in die Krippe – und der andere sollte sie mittags schon bald wieder abholen.

Autorennfahrer Lewis Hamilton wurde als besonders kreativer Steuer-Umgeher entlarvt.

Trotz eines laufenden Strafverfahrens wurde Roland Nef 2008 Armeechef, musste aber noch im selben Jahr abtreten.

Der Fall Nef

Im Juli 2008 enthüllten Catherine Boss, Martin Stoll und Karl Wild in der «SonntagsZeitung» (SoZ), dass gegen Armeechef Roland Nef bei seiner Ernennung ein Strafverfahren lief. Er hatte seine Ex-Partnerin massiv belästigt. Es stellte sich heraus, dass der damalige Verteidigungsmi nister Samuel Schmid von einer Anzeige gegen Nef wusste. Den Gesamtbundesrat informierte Schmid allerdings nicht. Nef musste wenige Tage nach den Berichten von seinem Amt zurücktreten.

Die SoZ berichtete in zwei Etappen über den Fall und meisterte damit eine schwierige Gratwanderung zwischen den Persönlichkeitsrechten von Nef und dem öffentlichen Interesse. Unter anderem für diesen vorbildlichen Umgang in der Recherche erhielten die drei Autoren den Zürcher Journalistenpreis.

Nach der ersten Veröffentlichung stritt Armeechef Nef noch jedes Fehlverhalten ab. Verteidigungsminister Schmid stellte sich demonstrativ hinter ihn und leugnete sogar, von den genauen Vorwürfen Kenntnis zu haben – obwohl ihn die SoZ darüber informiert hatte.

Die Rechercheure präsentierten sodann Einzelheiten aus der Anzeige und einen Ausschnitt aus einem Polizeiprotokoll, das zeigte, wie aggressiv Nef gegen seine ehemalige Partnerin vorgegangen war. Erst danach begann Schmid, sich von seinem Armeechef zu distanzieren, der kurz darauf zurücktrat.

In der Folge gab das Verteidigungsdepartement zu, die Sprengkraft der privaten Probleme Nefs unterschätzt zu haben. Es stellte sich heraus, dass Nef sogar die Personensicherheitsprüfung für die Stelle des Armeechefs bestanden hatte. Im Nachgang der Affäre wurden diese Prüfungen neu organisiert.

Die Swissair-Pleite

Arthur Rutishauser, heute Chefredaktor der Tamedia-Redaktion und gleichzeitig der «SonntagsZeitung» (SoZ), schrieb 2000 und 2001 rund 90 Artikel über das Thema Swissair, das damalige, inzwischen unrühmlich untergegangene Schweizer Vorzeigeunternehmen. Schon im April 2000 berichtete die SoZ über einen seltsamen Vorgang bei der Swissair: Konzernchef Philippe Bruggisser hatte in der Firmenbilanz eine Milliarde Franken Pensionskassenvermögen aktiviert. Dieser Artikel war der erste in einer langen Reihe von Enthüllungen.

«Bruggisser vor harter Landung. Durch verlustreiche Zukäufe will der SAir-Chef die Airline unabhängig halten. Lässt sich das noch finanzieren?», «SAir fliegt täglich 3 Millionen Franken Verlust ein» und «Der Flug ins finanzielle Fiasko» lauteten die Schlagzeilen im Sommer 2000. 2001 wurde die Lage trotz wortreicher Dementis der Swissair-Chefs immer dramatischer. «SAir-Schock: Jeden Tag 7 Millionen Verlust – um die Pleite abzuwenden, müssen Banken eine Milliarde bereitstellen», meldete die SoZ im März. Im April hiess es nüchtern: «Die SAirGroup ist eigentlich überschuldet und müsste gesetzlich saniert werden.» Doch nichts geschah.

Anfang September war die Swissair gemäss SoZ «am Ende. Ohne Schuldenverzicht der Banken kann die flügellahme Gesellschaft nicht überleben.» Keine vier Wochen später war das Unternehmen pleite: Am 2. Oktober 2001 blieben alle Flugzeuge am Boden. Die Schweiz stand unter kollektivem Schock.

Die Swissair lieferte noch lange Schlagzeilen. Im Januar 2002 enthüllte die SoZ, dass die Fluggesellschaft ihrem Chef vor Amtsantritt einen Fünfjahreslohn überwiesen hatte («Corti kassierte 12 Millionen»).

Rutishauser erhielt 2002 für seine Swissair-Recherchen den Zürcher Journalistenpreis.

Korruption im Seco

Mit einer hartnäckigen Recherche deckte Christian Brönnimann im «Tages-Anzeiger» und im «Bund» einen der grössten Korruptionsfälle in der Bundesverwaltung auf: die Seco-Affäre. Ein Beamter des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hatte sich mutmasslich während vieler Jahre von IT-Unternehmern bestechen lassen, mit teuren Elektrogeräten, VIP-Fussballtickets und viel Bargeld. Im Gegenzug verschaffte er ihnen lukrative, teils überteuerte Aufträge. Die Unternehmer konnten fiktive Arbeitsstunden verrechnen und gaben Rabatte für Hardware nicht wie vorgeschrieben ans Seco weiter. Zudem fingierten sie Rechnungen und liessen sich allein damit rund eine Million Franken widerrechtlich auszahlen.

Die Affäre flog im Januar 2014 auf. Am Anfang stand eine Recherche, die zeigte, dass die betroffene Seco-Abteilung Dutzende Auft räge nicht ausgeschrieben, sondern unter der Hand direkt an IT-Firmen vergeben hatte. Heute, vier Jahre später, ermittelt die Bundesanwaltschaft immer noch. Im Zentrum der Ermittlungen stehen der ehemalige Seco-Ressortleiter und drei IT-Unternehmer von zwei Firmen. Ihnen drohen mehrjährige Gefängnisstrafen. Beide Firmen sind heute liquidiert. Ein Komplize wurde bereits 2014 per Strafbefehl von der Zürcher Staatsanwaltschaft verurteilt.

Dokumente aus dem Bundesarchiv zeigten, dass der Seco-Beamte, der nun der Hauptbe-schuldigte ist, schon seit den 1990er-Jahren wegen Verstössen gegen das Beschaffungsrecht, der Annahme von Geschenken und anderer disziplinarischer Vergehen aufgefallen war. Trotz der zahlreichen Hinweise auf grössere Missstände liessen ihn seine Vorgesetzten ungehindert weitermachen. Die Enthüllungen haben zu einer Reorganisation der Seco-Abteilung und einer breiten Debatte, unter anderem über mangelnde Transparenz im Beschaffungswesen des Bundes, geführt. Brönnimann wurde dafür 2015 mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet.

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