Lokaljournalismus trägt zu einem funktionierenden Gemeinwesen bei.

In Zürich-Albisrieden sorgt das besetzte Koch-Areal seit 2013 für Kontroversen.

Die Besetzer des Koch-Areals in Zürich-Albisrieden hatten ihre Wut auf ein weisses Leintuch gesprayt und aus dem Fenster gehängt. Die Botschaft galt einem Journalisten des «Tages-Anzeigers»: «HOHL, HOHLER, AM STEFAN HOHLSTEN!» stand auf dem Laken, inklusive fetten Ausrufezeichens. Reporter Hohler hatte zuvor in einem Zeitungskommentar die Zustände auf dem ehemaligen Industriegelände, das seit 2013 besetzt ist und der Stadt Zürich gehört, scharf kritisiert. Der Stadtrat müsse den Besetzern endlich eine Hausordnung diktieren und die Bevölkerung vor dem Lärm schützen. Bei den Besetzern kam dies offensichtlich nicht gut an.

Reporter müssen das aushalten können. Lokaljournalismus ist nichts für Harmoniesüchtige. Wer hinausgeht, beobachtet und aus nächster Nähe berichtet, schafft sich nicht nur Freunde. Hausbesetzer wehren sich mit Transparenten, Politiker toben am Telefon, Unternehmer schalten wegen unliebsamer Recherchen PR-Berater und Anwälte ein oder beschweren sich direkt bei der Chefredaktion, wenn sie sich von Journalisten ungerecht behandelt fühlen. Und jene muss sich schützend vor die eigenen Redaktoren stellen.

Journalistisch ist es einfacher, den US-Präsidenten zu kritisieren als den Gemeinderat im Quartier. Donald Trump wird den Kommentar kaum lesen. Dem Lokalpolitiker begegnet der Reporter jeden Morgen an der Tramstation. Sein Unmut verfolgt ihn bis in den Newsroom.

Lokaljournalismus wird kleingeschrieben, als Übungsfeld belächelt. Zu Unrecht, denn: Das Nahe ist das Schwierige. Dafür ist die Nähe anschaulich. Die «Tagi»-Reportage über einen krankhaft übergewichtigen Jungen, der in ein Winterthurer Altersheim eingewiesen wird und sich dort zu Tode isst, zeigt die Überforderung der Sozialbehörden mit Extremfällen. Die Recherche zu einem Lärmstreit um einen Fussballplatz in Herrliberg belegt die schwindende Toleranz der Gesellschaft.

Lokaljournalisten sind Anwälte der Bevölkerung. Ihre Berichte tragen wesentlich zu einem funktionierenden Gemeinwesen bei. Lokaljournalisten heben Leistungen hervor, legen Mängel offen, stossen Debatten an, oft sind sie auch einfach Chronisten des lokalen Geschehens.

Lokaljournalismus ist nichts für Harmoniesüchtige, aber er hilft uns zu verstehen, wie wir leben und wie es besser sein könnte.

Text: Judith Wittwer (Chefredaktorin «Tages-Anzeiger»)

Ein neuer Markt entsteht

Der «Tages-Anzeiger» hat dem Lokalen seit seiner Gründung vor 125 Jahren viel Gewicht geschenkt. Die Ereignisse in nächster Nähe waren gar entscheidend für seine Entstehung.

Am 1. Januar 1893 – also rund zwei Monate vor Erscheinen des ersten «Tagi» – wird Zürich zur Grossstadt, zur Nummer eins in der Schweiz. Elf bisher selbstständige Gemeinden zählen neu zum Stadtgebiet, ein attraktiver Markt entsteht. Die Stadt Zürich wird durch die Eingemeindung nicht nur grösser. Der einsetzende Aufschwung und die Industrialisierung machen sie auch proletarischer. Die Arbeiterbewegung wird zu einem politischen Faktor.

Im Kanton Zürich gibt es damals 41 Zeitungen, der überwiegende Teil der Blätter steht den Freisinnigen oder der Demokratischen Partei nahe, wie Hans Heinrich Coninx, ehemaliger Tamedia-Verwaltungsratspräsident und Vorgänger von Pietro Supino, im Jubiläumsbuch zum 100-jährigen Bestehen des Zürcher Medienhauses schrieb. Die parteipolitische Meinungspresse ist zu jener Zeit vorherrschend.

Die Gründer des «Tages-Anzeigers», Wilhelm Girardet und Fritz Walz, konzipieren den «Tagi» bewusst als neutrale, also politisch ungebundene Zeitung. Ihre Devise lautet: «Alles für und durch das Publikum». Leser erhalten die Möglichkeit, sich zur Eingemeindung und zu anderen aktuellen Veränderungen in den Forumspalten zu äussern, etwas, was man von anderen Zeitungen damals kaum kannte. Ungewohnt ist damals auch, dass die beiden Gründer in ihrer ersten Ausgabe bewusst die Frauen als Leserinnen ansprechen:

Der «Tages-Anzeiger» wolle ein Lokalblatt sein, eine Brücke zwischen Stadt und Land sowie ein Familienblatt, «das nicht nur die Männer mit Politik langweilt, sondern auch den Frauen eine ansprechende und unterhaltende Lektüre bietet».

Liveticker und Stadtblog

Der «Tages-Anzeiger» versteht sich noch immer als Forumszeitung. Und trotz seinem überregionalen Anspruch und seiner Bedeutung als auflagenstärkste Abonnentenzeitung der Schweiz: Das Herz schlägt in Zürich. Städtische und kantonale Politik und Wirtschaft werden ebenso unabhängig, engagiert und kritisch begleitet wie kulturelle und sportliche Ereignisse im Raum Zürich.

Mit dem digitalen Wandel hat sich die Arbeit der Lokaljournalisten allerdings verändert. Der Politikredaktor berichtet heute im Internet mit Liveticker von wichtigen Medienkonferenzen des Regierungsrats. Der Polizeireporter sendet nach dem Fussballderby Bilder und kurze Videos von Hooligans zur Verarbeitung in den Newsroom.

Der technologische Fortschritt eröffnet gerade dem Lokaljournalismus neue Chancen. Eine Onlineumfrage bei den Leserinnen und Lesern lässt sich ohne viel Aufwand realisieren. In den sozialen Medien finden sich Hinweise für Lokalgeschichten. Ein Stadtblog braucht auch keine Druckerpresse mehr. Traditionsreiche Lokalzeitungen können ihn ebenso günstig und schnell lancieren wie neue auf die Region fokussierte Onlinemagazine.

Dennoch sind bis heute in der Schweiz nur wenige neue Regionalanzeiger im Internet entstanden. Der Onlinelokaljournalismus ist bisher unter seinen Möglichkeiten geblieben. Den Zeitungen brechen die Werbeeinnahmen weg. Das lokale Gewerbe zeigt bis jetzt nur beschränktes Interesse an Anzeigen im Internet. Dabei könnte die Werbung des Bäckers um die Ecke just dann auf dem Handy aufscheinen, wenn der mobile Newsleser aus dem Tram steigt und vor dem Laden steht. Was vor der Haustür passiert, ist auch fürs Gewerbe interessant. Es lohnt sich also für alle, ihre Umgebung näher zu betrachten – und sich darüber zu informieren.

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