Ruth Enzler Denzler, Psychologin und Buchautorin, Präsidentin der Sektion Zürich des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS).

Wie haben Sie reagiert, als eine weit verbreitete Zeitung Sie als «Rädelsführerin» in einem Komplott gegen den Zentralpräsidenten des Automobil-Clubs bezeichnete? Ruth Enzler: Zuerst war da Angst. Ich habe meinen Herzschlag gespürt, ich habe leer geschluckt, und im Kopf begann es zu rattern: Was mache ich jetzt?

Was hat diese Angst ausgelöst?
Ich wusste ja nicht, wohin das noch führt. Ich fürchtete mich davor, auf dem Boulevard vorgeführt zu werden. Ich wollte nicht als jemand dargestellt werden, der ich nicht bin.

Laut jener Zeitung gaben Sie den Anstoss dazu, den Automobil-Club ohne den bisherigen Präsidenten neu aufzustellen.
Das ist ganz klar falsch. Es war die grosse Mehrheit der Sektionspräsidenten, die einen neuen – zu unserem Club passenderen – Präsidenten wollten. Wir wählten dafür den Weg, der im Vereinsrecht üblich ist. Das Einzige, was mich in diesem gemeinsamen Vorhaben heraushob, war die Tatsache, dass ich die Präsidentin der mit Abstand grössten Sektion bin.

Der Reporter hat Sie von Beginn an immer wieder gebeten, sich zu seinen Recherchen zu äussern.
Ganz am Anfang habe ich mit dem Journalisten selbstverständlich gesprochen und ihm die Faktenlage zu erklären versucht. Aber dann hat er meine Stellungnahme ausschliesslich auf seine eigene These hin interpretiert, sodass ich mir sagen musste: Da kann ich nichts ausrichten. Der Journalist hat offensichtlich eine Story im Kopf, die er so und nicht anders schreiben will.

Welche Story?
In den 16 Artikeln, die im Sommer 2016 über die ACS-Affäre verfasst wurden, galt ich konsequent als «Drahtzieherin» – also als Intrigantin, die den Mann an der Spitze des ACS entmachten will.

Sie haben die Boulevardkampagne mit der Gewissheit erlebt, dass Sie im Recht sind. Wie geht es einem Betroffenen, der sich tatsächlich etwas zuschulden hat kommen lassen?
Da fehlt mir die eigene Erfahrung, aber ich stelle mir vor, dass für so jemanden die Situation wesentlich schwieriger ist. Sie oder er muss sich sagen: Mist, jetzt haben sie es herausgefunden. Dann stellt sich die Frage, ob man das gleich selbst auf den Tisch legt oder ob man abtaucht.

Es ist ja die Aufgabe der Medien, Missstände aufzudecken, die jemand unter dem Deckel halten will.
Auf jeden Fall! Da, wo es ein öffentliches Interesse gibt, ist es zwingend, dass ein starkes Mediensystem seine Kontrollfunktion wahrnimmt. Ich habe nichts gegen Recherchejournalismus, der die Fakten seriös abklärt. Das ist eine wichtige öffentliche Aufgabe.

Können Sie als Psychologin erklären, was den Boulevardjournalismus antreibt?
Ich kann verstehen, dass Journalisten mit der Quote im Kopf auf ein starkes Klischee setzen, das sicher bei vielen einen Nerv berührt und darum seine Leser findet, also den Zeitungsverkauf fördert. Das hat mehr mit Ökonomie als mit Psychologie zu tun. Der Boulevardjournalismus setzt aber die Opfer unter starken psychischen Druck. Sie erleben gegenüber dem Medium Ohnmacht– wie sie sich auch verhalten, alles bestärkt die Journalisten in ihren Thesen.

Manchmal werden Menschen Opfer einer Medienkampagne, vor allem in Boulevardzeitungen. Die Psychologin Ruth Enzler Denzler geriet in eine solche Kampagne. Was das mit ihr gemacht hat – und was sie anderen Opfern rät.

Interview: Edgar Schuler (Ressortleiter «Tages-Anzeiger»)

Sie haben ja dann mit dem Journalisten gar nicht mehr gesprochen. Warum?
Ich habe mir gesagt: Ich erspare mir diese Anstrengung, vor allem, weil ich mir keine Chance ausgerechnet habe, von der betreffenden Redaktion richtig verstanden zu werden.

Sie haben sich auch die Chance vergeben, sich gegenüber den Lesern zu erklären.
Aus meiner Sicht war die Gefahr zu gross, dass meine Äusserungen der Redaktion Stoff geliefert hätten, um deren These zu zementieren. Ich musste es dann ja auch aushalten, als es Mal um Mal hiess, «... wollte keine Stellung nehmen». Das war auch für meine Familie und meine Freunde schwierig.

Die Kampagne ging weiter.
Ich kann mir das nur so erklären, dass jene Zeitung fast täglich mit neuen, einseitigen Informationen beliefert wurde. Das führte sogar dazu, dass die Redaktion über den Fall vorübergehend mehr wusste als ich – zum Beispiel, als eine Strafanzeige gegen mich eingereicht wurde, von der ich noch keine Kenntnis hatte.

Das war eine schwierige Situation.
Ja, in diesem Fall suchte ich dann sofort Hilfe bei einem Anwalt, der dann meine einzige schriftliche Stellungnahme gegenüber der Zeitung formulierte.

Gab es keine Gegenstrategie?
Doch, natürlich. Gemeinsam mit Vertrauensleuten aus dem Club haben wir mit Journalisten anderer Medien gesprochen. Ich habe bei diesen Gesprächen die Sachlage, wie ich sie sehe, auf den Tisch gelegt und betont, dass ich nicht namentlich zitiert werden will.

Warum wollten Sie die Herkunft dieser Informationen gegenüber den Leserinnen und Lesern dieser Medien verheimlichen?
Da haben mir meine psychologischen Kenntnisse geholfen. Ich wollte um jeden Preis verhindern, dass in der Öffentlichkeit das Bild eines Kampfes zwischen einem Mann und einer Frau zementiert wird. Die Journalisten, mit denen ich dann zu tun hatte, haben das verstanden.

Andere Leute aus Ihrem Umfeld liessen sich zitieren.
Ja, andere Sektionspräsidenten haben sich zitieren lassen, das gehörte zu unserer Strategie. Wir wussten, dass Informationen aus anonymen Quellen wenig glaubwürdig erscheinen.

Heute, mit etwas Abstand von der Medienkampagne, würden Sie sagen, das Mediensystem in der Schweiz hat in Ihrem Fall doch funktioniert?
Abgesehen von der erwähnten Zeitung haben alle Medien ihren Job wirklich sehr gut gemacht. Sie waren auch mir
gegenüber kritisch, haben aber sauber recherchiert und hart nachgefragt, und zwar auf beiden Seiten. Aber sie liessen sich von den Fakten überzeugen.

Sie könnten versuchen, auf dem Rechtsweg eine Entschuldigung und eine Entschädigung herauszuschlagen. Bei mir stellt sich die Frage nicht. Die Zeitung hat mich in meiner Funktion als ehrenamtliche Sektionspräsidentin angegriffen – in meinem Beruf als selbstständige Psychologin und Coach wurde ich durch die Kampagne nicht beschädigt. Die Situation wäre anders, wenn mich die Boulevardkampagne in meiner beruflichen oder politischen Existenz bedroht hätte. Aber mit jener Redaktion rede ich nach wie vor nicht einmal über das Wetter...

Was ist Ihr Rat an Personen, die in eine Medienkampagne geraten?
Das kommt eben sehr auf den Einzelfall an: Wie berechtigt sind die Vorwürfe? Welchen Schaden für den Ruf, den Beruf oder die politische Karriere kann die Kampagne anrichten? Das muss ein Opfer zunächst genau – und ehrlich – überprüfen. Und dann aber sofort alle Hilfe in Anspruch nehmen, Anwälte, Medienberater, und gegebenenfalls alle Kräfte mobilisieren und dagegen kämpfen.





Ruth Enzler Denzler Die selbstständige Psychologin und Coach ist nach wie vor Präsidentin des Automobil-Clubs Zürich und Mitglied des ACS-Zentralvorstands. Sie hat mehrere Ratgeber verfasst, zuletzt, zusammen mit dem «Tages-Anzeiger»-Journalisten Edgar Schuler, «Krisen erfolgreich bewältigen. Wie Führungskräfte in Wirtschaft und Politik Schicksalsschläge überwinden», Springer-Verlag 2018.

«Der Boulevardjournalismus setzt die Opfer unter starken psychischen Druck. Sie erleben gegenüber dem Medium Ohnmacht.»
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