Ein Spesenskandal im britischen Parlament führte 2009 dazu, dass Dutzende Abgeordnete demissionieren mussten und einige ins Gefängnis kamen. Sieben Jahre später brachten die Panama-Papiere eine ganze Reihe von Ministern und Firmenchefs zu Fall. Diese auf grossen Datenmengen basierenden Recherchen sind die bekanntesten Beispiele für datengetriebenen Journalismus (DDJ), ein erst seit 2009 gebräuchlicher Ausdruck. Sechs Spezialisten aus diesem in der Schweiz noch jungen Bereich erzählen:

«Data-driven journalism», ein Ausdruck, der seit weniger als zehn Jahren gebräuchlich ist, wurde dank mehreren schockierenden Enthüllungen bekannt. Wir haben uns mit sechs Spezialisten dieser aufstrebenden Disziplin getroffen.

Text: Paul Ronga (Redaktor «Tribune de Genève»)

Fanny Giroud

34, «24 Heures»

«Was mich am DDJ am meisten interessiert, ist, von abstrakten Codezeilen hinüberzuwechseln zur Beschreibung eines konkreten Phänomens der Gesellschaft », sagt Fanny Giroud. Seit 2008 ist sie Onlinejournalistin bei «24 Heures» und hat sich 2015 an der Columbia University School of Journalism in New York im Datenjournalismus weitergebildet. Im Besonderen hat Fanny Giroud Erhebungen über den Absentismus im Waadtländer Grossen Rat publiziert sowie Recherchen über den Hauslieferdienst der Schweizerischen Post. Seit dem 1. Januar 2018 ist Fanny Giroud Mitglied des Tamedia-Datendesks unter Leitung von Barnaby Skinner: «Damit wurde ein Ort des Gedankenaustauschs geschaffen. Im Team funktioniert Datenjournalismus am besten.»

Fanny Giroud

Alexandre Haederli

34, Tamedia-Recherchedesk

«Datenjournalismus besteht darin, sich auf Daten zu stützen, um ein Problem zu beleuchten», fasst Alexandre Haederli, Journalist beim Recherchedesk von Tamedia, zusammen: «Sie sind eine Quelle unter anderen, bevor man sich an die normale journalistische Arbeit macht.» Im Besonderen veröffentlichte er eine grosse Darstellung der Einkäufe des Bundes, nachdem er hart um den Zugang zu den Informationen hatte kämpfen müssen: «Ich habe anfangs Excel verwendet. Aber der Computercode macht die Arbeit reproduzierbar. Dies bringt zwei grosse Vorteile: Die Methode kann von jemand anders verifiziert, und sie kann leicht wieder angewendet werden. Denn viele Daten, auch von der Bundesverwaltung, kommen jedes Jahr erneut.»

Alexandre Haederli

Alexandra Kohler

30, Neue Zürcher Zeitung

Als Datenjournalistin arbeitet Alexandra Kohler seit 2015 im Storytelling-Team der NZZ, das 14 Personen umfasst, Grafikdesigner, Journalisten und Entwickler. «Daten sind eine Möglichkeit, Themen zu finden, aber auch, sie zu erklären», erläutert sie. Zum Beispiel, indem man aussagekräft ige Visualisierungen in ein Long Format über den Umbruch der globalen Essgewohnheiten einbaut oder indem man am selben Tag auf ein Attentat mit einem Lastwagen in Barcelona reagiert und dieses in einen Kontext mit Anschlägen der letzten 40 Jahre stellt. Es war ihr Interesse an Statistiken, das sie zum Datenjournalismus brachte.

Alexandra Kohler

Wie Tamedia mit Daten umgeht

Mit ihren Medien- und Service-Sites hat Tamedia mehr als 2,6 Millionen Nutzer, die sich mindestens einmal im Monat einklinken. Thomas Gresch, der 2015 zum Chief Technology Officer ernannt wurde, hat die Aufgabe, diese Daten zu harmonisieren. Ziel ist es, Werbung besser zu fokussieren und das Erlebnis der Nutzer zu verbessern.
«Wir erhalten sehr sensible Daten und müssen alle persönlichen Informationen entfernen, die es erlauben, jemanden zu identifizieren. Das hängt von den Nutzern ab: In einem kleinen Dorf zum Beispiel verwenden wir keine Daten wie das Alter, damit der Datenschutz gewährleistet ist», sagt Thomas Gresch.
Seit August 2017 geben die mobilen Apps von «Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung» und «Tribune de Genève» personalisierte Empfehlungen ab unter der Überschrift «Was Sie verpasst haben». Drei Modelle kommen parallel zum Einsatz: «Eines berücksichtigt ganz simpel die meistgelesenen Artikel», erklärt Thomas Gresch. «Mit den beiden anderen, welche die Lesegewohnheiten berücksichtigen, bessere Ergebnisse zu erzielen, war eine enorme Arbeit. Die grosse Herausforderung beim Umgang mit Daten in Echtzeit ist die Geschwindigkeit: Benutzer sollen nicht warten. Eine Entscheidung muss in zehn Millisekunden getroffen werden. Aber manche Algorithmen sind nicht so schnell.»

Die Webseiten von Tamedia haben mehr als 2,6 Millionen registrierte Nutzer. Die Analyse ihrer Daten erlaubt es, sie mit personalisierten Inhalten zu beliefern.

Timo Grossenbacher

30, Schweizer Radio und Fernsehen

«Als ich 2014 angefangen habe, habe ich das Bundesamt für Gesundheit um Statistiken zu Grippefällen gebeten», sagt der SRF-Datenjournalist. «Wir hatten eine lange Diskussion: Sie hatten bereits eine Einschätzung der Situation abgegeben und hatten das Gefühl, dass ein Journalist die Daten nicht selbst interpretieren dürfe.» In jüngster Zeit hat ihm eine Institution von sich aus «interessante Rohdaten» angeboten. Für ihn steht das sinnbildlich für eine Entwicklung: «Man beginnt zu akzeptieren, dass ein Journalist Daten interpretiert.» Im November hat sein Team sieben Millionen Instagram-Accounts analysiert, um eine Recherche über gefälschte Accounts von Anhängern von Schweizer Influencern zu veröffentlichen.

Timo Grossenbacher

Duc-Quang Nguyen

39, Swissinfo

Bevor er 2013 zu Swissinfo kam, war Duc-Quang Nguyen Forscher und Analyst in einem Hedgefonds: «Ich war von der Transparenz des Datenjournalismus angezogen. Man gibt seinen Computercode bekannt, was in der akademischen Welt noch wenig gebräuchlich ist: Nicht nur die Methode, sondern auch der Workflow ist reproduzierbar.» Der Code für jedes Produkt seiner Recherchen wird auf GitHub publiziert, einer Site für das Hosting von Computercodes. Duc-Quang Nguyen hat vor allem eine Reihe von Artikeln und Infografiken zur Einwanderung veröffentlicht, die alle in die zehn Sprachen von Swissinfo übersetzt wurden, wobei ein Workflow verwendet wurde, den er extra für sein Medium entwickelt hat.

Duc-Quang Nguyen

Barnaby Skinner

43, Tamedia-Redaktion

«Was mich am meisten interessiert, ist, von den strengen, abstrakten Daten auszugehen und die Menschen dahinter zu finden. Das ist befriedigend», sagt Barnaby Skinner, Leiter des Datendesks von Tamedia, der seit dem 1. Januar 2018 acht Datenjournalisten zusammenbringt. Seine ersten Schritte im DDJ gehen auf 2012 zurück: Damals war er Spezialist für Technologie und errechnete zusammen mit einem Entwickler jene Orte in der Schweiz, in denen das Leben am günstigsten ist. Aufgrund von Daten, die er diesmal selber gesammelt hatte, konnte er das Porträt jener Schweizerin schreiben, die am meisten Airbnb-Häuser im Land vermietet. Dank einer computergestützten Analyse von 30 000 Urteilen zeigte er auch das Verhältnis von politischer Ausrichtung von Richtern und der Schwere ihrer Entscheidungen in Asylfällen auf.

Barnaby Skinner

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