Diskussionen um Fake News sorgen bei vielen Mediennutzern für Unsicherheit.

Aus einer kaum überschaubaren Fülle von bewusst gestreuten Falschmeldungen blieb aus jener Zeit besonders eine in den Köpfen der Menschen haften. Jene vom Pädophilenring, den die Clintons von einem Washingtoner Pizzarestaurant aus betrieben haben sollen. Die erfundene Meldung richtete nicht nur politischen Schaden an, sondern rief sogar einen Wirrkopf mit seinem Sturmgewehr auf den Plan. Ein Kellner des Pizzaladens überlebte nur mit Glück.

Das Beispiel mag in seinen Folgen extrem sein – im Normalfall sind Fake News nicht lebensbedrohlich und verbreiten sich nicht über den Rahmen der sozialen Medien hinaus. Doch es verdeutlicht, dass Fake News eine gefährliche Eigendynamik entwickeln können. Und es kann davon ausgegangen werden, dass Falschmeldungen auf sozialen Medien kein vorübergehendes Phänomen sind, sondern in Zukunft vermehrt auftreten werden.

Spätestens seit dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 ist der Begriff Fake News auch hierzulande angekommen. Der Umgang mit gezielt gestreuten Falschmeldungen stellt Qualitätsmedien auf die Probe.

Text & Interview: Jean-Claude Gerber (Leiter Digital/Wissen «20 Minuten»)

Sorgfältige Prüfung von Quellen

Was bedeutet das für die Redaktionen der Qualitätsmedien? Dazu muss zuerst einmal festgehalten werden, dass sich für Journalisten an der handwerklichen Herangehensweise nichts ändert. Denn eine Information, die über soziale Medien verbreitet wird, erfordert den gleichen sorgfältigen Umgang wie Informationen aus jeder anderen Quelle. «Jede Information muss vom Journalisten auf ihre Quelle und ihre Wahrhaftigkeit hin überprüft und doppelt kontrolliert werden, bevor sie veröffentlicht wird», sagt Res Strehle, ehemaliger Chefredaktor des «Tages-Anzeigers»: Genau darin unterschieden sich Qualitätsmedien von den sozialen Medien, die diesen Anspruch nicht hätten. Wichtig sei, dass sich die Journalisten bewusst seien, heute vermehrt mit gefälschten Informationen konfrontiert zu werden.

Qualitätsmedien müssen sich zudem einem gewissen Vertrauensverlust bei Teilen des Publikums stellen. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, ist nicht einfach. Ein Weg ist, Fehler, die sich auch unter Einhaltung der grössten Sorgfalt in die Berichterstattung einschleichen können, konsequent richtigzustellen. «Seriöse Medien müssen zu ihren Fehlern stehen und schnellstmöglich eine Korrektur veröffentlichen», sagt Strehle. Auch wenn ein Eingeständnis von Fehlern den einzelnen Journalisten Überwindung kosten mag, kann nur so Transparenz und schlussendlich Vertrauen hergestellt werden. Zudem distanziert man sich so von bewussten Falschmeldungen auf sozialen Medien, deren Autoren natürlich kein Interesse an einer Richtigstellung haben.

Vertrauensbasis stärken

Guido Keel, Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, empfiehlt den Medien zudem, der Leserschaft hin und wieder anhand einer konkreten Meldung aufzuzeigen, wie Journalisten sicherstellen, dass ihre Artikel die Realität so genau wie möglich wiedergeben. Allgemein rät er, den Leser unter anderem via soziale Medien stärker mitdebattieren und am Prozess der Erkenntnisgewinnung teilhaben zu lassen. Das schafft Nähe, was wiederum die Vertrauensbasis stärkt. Auch Marco Boselli, Chefredaktor von «20 Minuten», hält den Einbezug besonders auch der jungen Leser für ein probates Mittel, um Vertrauen zurück- zugewinnen: «Wenn sich die Leser im Produkt wiedererkennen, können wir sie von den sozialen Medien und dem Einfluss von Fake News zurückholen.»

Für seriöse Medien mögen Fake News neue Herausforderungen mit sich bringen, eine unmittelbare Gefahr stellen sie aber nicht dar, solange die Redaktionen ihr Handwerk mit Sorgfalt betreiben. Für Res Strehle ist deshalb klar: «Die Qualitätsmedien haben es selber in der Hand, mit gewissenhaft er Arbeit jeden Tag aufs Neue zu beweisen, dass es bei ihnen ausschliesslich Real News zu lesen gibt.»

Bewusste Falschmeldungen

Seit 2017 steht der Begriff Fake News im Duden. Fake News sind von Einzelpersonen erfundene bewusste Falschmeldungen, die gut getarnt hauptsächlich über soziale Medien wie Facebook oder Twitter verbreitet werden. Die Autoren der Fake News beabsichtigen, möglichst viel Aufmerksamkeit und damit Klicks und Werbeeinnahmen zu generieren oder Propaganda zu betreiben und dem politischen Gegner zu schaden. Zur ersten Kategorie gehören zum Beispiel die unzähligen Beiträge auf Facebook, die demjenigen Geschenkkarten oder tolle Gewinne versprechen, der sie anklickt. Zur zweiten Kategorie gehört unter anderem die im Text beschriebene Falschmeldung vom Washingtoner Pizza-Pädophilenring.
Während sich Fehler auch in die Berichterstattung von Qualitätsmedien einschleichen können, kann man solche nicht als Fake News bezeichnen. Denn Fake News setzen eine bewusste Fehlinformation voraus, was bei seriösen Medien nicht der Fall ist. Auf Fehler in Qualitätsmedien folgt in der Regel ein Korrigendum, das die Tatsachen richtigstellt.

Fragen an Fake-Jäger Andre Wolf

Weshalb sprechen gewisse Menschen so stark auf Fake News an?
Jeder von uns kann anfällig für Fake News sein, sofern diese die eigene Grunderwartungshaltung erfüllen. Je härter diese Erwartungshaltung ist, desto empfänglicher ist man für alle Arten von Informationen, die dazu passen. Und gerade wenn sich Fake News als die «wahren Fakten» präsentieren, dür e es noch schwieriger zu erkennen sein, wie sehr man selbst der eigenen vorgefertigten Meinung unterlegen ist. In der Diskussion um Fake News geht es letztendlich nicht allein um Fakten, sondern um die gefühlte Wahrheit.

Erreichen Fake News ein Massenpublikum?
Das ist bei sehr wenigen Falschmeldungen der Fall, es gibt aus dem letzten Jahr nur wenige Beispiele, die einer breiten Masse bekannt waren.

Müssen Qualitätsmedien Fake News thematisieren und zur Aufklärung beitragen?
Qualitätsmedien müssen natürlich aufpassen, dass sie nicht zum Instrument von Fake News werden, indem sie ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenken. Aber ja, Fake News dürfen thematisiert, müssen jedoch vorsichtig behandelt und korrekt eingebettet werden. Damit ist gemeint, dass Medien den Fake nicht durch seine Wiederholung einfach in die Öffentlichkeit tragen, sondern durch saubere Formulierungen eine Falschmeldung auch als Falschmeldung in den Köpfen der Empfänger hinterlassen.

Wie sehr sollten seriöse Medien auf Fake News eingehen?
Hier muss man aufpassen, dass man nicht eine Phantomdiskussion entfacht und ein Thema aufgreift, welches eigentlich gar nicht hätte in der Berichterstattung auftauchen dürfen. Das bedeutet, Fake-News-Monitoring muss durch Mitarbeiter erfolgen, die sich mit den Mechanismen von Fake News und Social Media auskennen und nicht plump jeder Empörungswelle hinterherlaufen.

Erreicht man überhaupt die Konsumenten von Fake News, die sich nur in der Social-Media-Blase bewegen?
Der viel beschriebene Filterblaseneffekt und die Unerreichbarkeit von Nutzern werden oft überschätzt. Facebook und sein Blaseneffekt kann zwar meinungsbildend wirken; dass sich Menschen jedoch generell nur noch in Filterblasen bewegen und eingeschränkt Informationen wahrnehmen, dürfte nicht der Fall sein.

Andre Wolf

Andre Wolf Andre Wolf ist Fake-Jäger bei Mimikama. Der Verein mit Sitz in Wien wurde 2011 mit dem Ziel gegründet, Internetmissbrauch, Internetbetrug und Falschmeldungen entgegenzuwirken und sie zu bekämpfen. Ergebnisse werden auf Mimikama.at veröffentlicht.

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