Lucas Leemann (links) und Fabio Wasserfallen machen Tamedia-Umfragen auf wissenschaftlicher Basis.

Für lange Zeit untersuchte fast ausschliesslich der Mann mit der Fliege die Meinung der Schweizer Stimmbevölkerung: Bis zu seiner Pensionierung zeichnete Claude Longchamp die Meinungsbildung nach und analysierte am Abstimmungssonntag die Motive der Stimmbürger.

Seit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 gibt es aber eine Alternative zu den herkömmlichen Telefonumfragen. Damals führte die Pendlerzeitung «20 Minuten» die erste Onlinebefragung in Zusammenarbeit mit den Politikwissenscha lern Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen durch. Inzwischen sind zwölf Tamedia-Titel an den Abstimmungsumfragen beteiligt: vom Zürcher «Tages-Anzeiger» bis zu «Le Matin» in der Westschweiz. Dank der grossen Reichweite der Newsportale der Zeitungen nehmen regelmässig 15 000 bis 40 000 Personen an der Umfrage teil.

Seit vier Jahren führt Tamedia vor eidgenössischen Abstimmungen Onlineumfragen durch. Die Methode hat sich, verglichen mit traditionellen Telefonbefragungen, bewährt.

Text: Daniel Waldmeier (Stv. Leiter Inland/Politik «20 Minuten»)

Präzise Schätzungen

In den nunmehr vier Jahren wurden Umfragen zu 38 Vorlagen veröffentlicht. In rund der Hälfte der Fälle lag die letzte Befragung vor dem Abstimmungstermin näher beim amtlichen Ergebnis als die Umfrage im Auftrag der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Nimmt man einen linearen Verlauf der Meinung zwischen der zweitletzten und der letzten Befragung bis zum Abstimmungstermin an, sieht die Bilanz noch besser aus. Auch darum fiebern Parteien, Komitees und Verbände heute jeweils der Veröffentlichung der Tamedia-Umfragen entgegen.

«Bei der Arbeit mit den Daten hatten wir viele Schlüsselerlebnisse», sagt Fabio Wasserfallen, der Associate Professor an der Universität Salzburg ist. «Beispielsweise haben wir im Abstimmungskampf um die Durchsetzungsinitiative früh gesehen, wie die Zustimmung regelrecht abgesackt ist – zu einem Zeitpunkt, als die meisten Kommentatoren nicht an eine Ablehnung glaubten.»

Innovative statistische Methoden

Möglich ist das gute Abschneiden nur dank innovativer statistischer Methoden. Die Idee: Während bei der Standardmethode zumindest in der Theorie eine bereits repräsentative Zufallsstichprobe ausgewählt wird, nimmt man bei der Online-Möglich ist das gute Abschneiden nur dank innovativer statistischer Methoden. Die Idee: Während bei der Standardmethode zumindest in der Theorie eine bereits repräsentative Zufallsstichprobe ausgewählt wird, nimmt man bei der Onlineumfrage zunächst Verzerrungen in Kauf. Ältere Personen und Frauen sind jeweils untervertreten. Hinterher wird die grosse Stichprobe aber in einem komplexen, mehrstufigen Gewichtungsverfahren bereinigt und so korrigiert, dass sie möglichst der Struktur der Stimmbevölkerung entspricht. Dabei berücksichtigen Leemann und Wasserfallen politische, geografische und demografische Informationen.

Laut Leemann – er ist Assistenzprofessor an der Universität Zürich und beschäftigt sich mit empirischer Demokratieforschung – können so teilweise selbst aus komplett schiefen Stichproben erstaunlich verlässliche Aussagen gewonnen werden: «In den USA hat man vor den Präsidentschaftswahlen 2012 nur Xbox-Spieler befragt. Über die Anwendung fortgeschrittener Gewichtungsverfahren konnten die Forscher der Columbia University trotzdem präzisere Aussagen über die Unterstützung Barack Obamas machen als der Schnitt der Telefonumfragen.»

Weltweiter Trend

Klar ist, dass sowohl Telefon- als auch grosse Onlineumfragen ihre Stärken und Schwächen haben. Bei der Atomausstiegsinitiative etwa wollten laut der Tamedia-Umfrage zwei Wochen vor der Abstimmung 57 Prozent ein Ja auf den Stimmzettel schreiben – schliesslich lag der Ja-Anteil aber nur bei knapp 46 Prozent. Umfragen bleiben immer Schätzungen, die mit Unsicherheiten behaftet sind (siehe links).

Wegen des sich wandelnden Kommunikationsverhaltens haben sich die Probleme von Telefonumfragen zuletzt akzentuiert: Die Nichterreichbarkeit und die zunehmende Verweigerung machen es immer schwieriger, eine repräsentative Zufallsstichprobe zu generieren. Laut Urs Bieri, Co-Leiter des Instituts GFS Bern, das die SRG-Umfragen durchführt, entwickelt man die Methode jedoch ständig weiter. So würden seit Anfang 2016 auch Bürger am Handy befragt. «Seit der Methodenumstellung haben wir die Nase wieder vorn.» Aber auch Onlineumfragen könnten künftig ihren Platz in der Umfrageforschung haben. «Sie werden in der Wissenschaft rege diskutiert.»

Längst etabliert haben sich gewichtete Onlineumfragen in den USA: Die «New York Times» oder der Sender CBS News setzten auf solche Befragungen. Leemann und Wasserfallen hatten nach Forschungsaufenthalten in Übersee schon früh erkannt, welch grosses Potenzial Onlineumfragen für die Meinungsforschung bergen. Der Anstoss zur Zusammenarbeit mit Tamedia kam denn auch von den beiden Politikwissenschaftlern: Sie wollten die neueren Erkenntnisse der Forschung in einem Feldversuch testen.

Stärken und Schwächen

Ein Vergleich der Standardmethode mit Onlineumfragen.

Gewichtete Analyse von grossen Onlineumfragen:
+ Grosse Samples aus allen Landesteilen ermöglichen detaillierte Analysen.
+ Präzise Schätzungen.
– Die Gewichtung ist mit Unsicherheiten verbunden.
– Bei einer offenen Onlinebefragung ist eine Manipulation trotz zahlreicher Sicherheitsvorkehrungen nicht ganz ausgeschlossen.

Standardmethode (Zufallsstichprobe)
+ Erprobtes Konzept auf Basis der Theorie der Zufallsstichprobe.
+ Präzise Schätzungen unter der Voraus- setzung, dass die Zufallsstichprobe tatsächlich repräsentativ ist.
– Befragte tendieren am Telefon dazu, eine Antwort zu geben, die sozial erwünscht ist, stimmen dann aber doch anders ab.
– Problem der Verweigerung: Bis zu 90 Prozent der Anrufe bleiben in aktuellen Umfragen unbeantwortet.

Besseres Verständnis

Obwohl die beiden zu den Pionieren auf dem Gebiet politischer Onlineumfragen gehören, suchen sie das Scheinwerferlicht nicht. Sie sind in erster Linie Wissenschaftler geblieben. Aus dem politischen Hickhack halten sie sich bewusst heraus und überlassen die Einordnung der Umfrageresultate lieber den Redaktionen: «Ob nun ein ‹Arena›-Aufritt, ein Plakat oder eine andere Kampagnenaktion der einen oder der anderen Seite hilft, kommentieren wir nicht», so Wasserfallen.

Freude am Projekt haben Leemann und Wasserfallen auch wegen der Nachbefragung, die jeweils wenige Tage nach dem Abstimmungssonntag publiziert wird. «Dank der Befragung wissen wir sehr schnell, welche Motive die Stimmbürger zu einem Abstimmungsentscheid bewogen haben.» Damit schaffe man Evidenz, wenn nach einer Abstimmung über die Gründe für ein Ja oder ein Nein spekuliert werde.

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