Journalisten werden Technologie-Know-how zu einem Bestandteil ihres Berufs machen müssen.

Noch ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ein journalistischer Text von einem Menschen geschrieben worden ist, von einem Journalisten eben. Noch stellen wir uns vor, dass uns jemand eine Story erzählen will, die er in die Tastatur tippte. Noch trifft dies zu, meistens zumindest.

Führende Medienunternehmen wie die Associated Press (AP), die «New York Times» oder die «Los Angeles Times» publizieren bereits heute von Robotern geschriebene Texte. Dabei handelt es sich in der Regel um kurze und wenig komplexe Beiträge, standardisierte Finanz- und Sportmeldungen etwa. Vereinfacht gesagt funktioniert dies so: Algorithmen setzen strukturierte Daten in lexikalische Templates – eine Art Schablonen – ein und fügen die Textbausteine nach syntaktischen Regeln zu einem Artikel zusammen.

Robotertexte, Recherche-Algorithmen, Machine Learning: Mit der Digitalisierung ziehen vielversprechende Datentechnologien in die Redaktionen von Zeitungen und Onlineplattformen ein. Doch wie intelligent ist es, auf Automatisation und künstliche Intelligenz zu setzen?

Text: Michael Marti (Mitglied der Chefredaktion Tamedia Deutschschweiz)

Einsatz von künstlicher Intelligenz

Der Journalismus befindet sich in einem dramatischen Umbruch; Schreibroboter sind nur ein Beispiel dafür. In der Branche geht das Buzzword um vom «Smart Journalism» – der Begriff meint einen neuen, durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz unterstützten Journalismus, der von den technologischen Chancen der Digitalisierung profitieren will.

Softwareprogramme schreiben nicht nur Texte. Sie erstellen auch selbstständig ganze Videoberichte aus Bewegtbilder-Pools oder produzieren automatisch multimediale und interaktive Grafiken. Algorithmen steuern nicht bloss Chat-Roboter. Als unermüdliche Recherchegehilfen untersuchen sie riesige Datensätze; man denke nur an die Berge von binären Informationen, die Computer abtrugen für die Enthüllungsprojekte Panama Papers und Paradise Papers.

Und künstliche Intelligenz kann noch mehr: Muster in Fotos analysieren. Gesichter erkennen. Ton in Texte umwandeln, Sprache erkennen. «Künstliche Intelligenz ist ein Game-Changer», schreibt die US-Technologie-Expertin Amy Webb in einem Beitrag des Nieman Reports, der renommierten Journalismuspublikation der Harvard University. «Man hat sich nun zu entscheiden: die Entwicklung mitzugestalten – oder sich von ihr überrollen zu lassen.»

Auch auf Redaktionen von Tamedia werden Technologien und Tools getestet, die unter dem Begriff Smart Journalism fallen. So das Recherche-Werkzeug Tadam («Tamedia Data Mining»), ein Computerprogramm, das Journalisten bei der Suche in grossen Datenmengen unterstützt. Zudem ermöglicht Tadam ein Livemonitoring von beliebigen Inhalten, ohne warten zu müssen, bis diese von Suchmaschinen oder der Agentur angeboten werden; man kann dem Programm beispielsweise den Auft rag erteilen, alle zehn Minuten alle Mitteilungen aus den Polizeistellen der Kantone zusammenzusuchen. Im Durchschnitt erhalten die Nutzer von Tadam die Information 45 Minuten früher als von den Agenturen oder anderen Newsdiensten.

Erwartungen und Befürchtungen

«Solches Technologie-Know-how muss zu einem Bestandteil des Journalistenberufs werden», sagt Titus Plattner, Redaktor und Projektverantwortlicher. Bloss: Gerade an den Beispielen computergenerierter Storys und automatisierter Recherchen zeigt sich, welche Bandbreite von Erwartungen und Befürchtungen mit den neuesten Trends im Digitaljournalismus verbunden sind.

Die Optimisten sagen: Die Automatisation sei eine immen-se Chance, Redaktoren von repetitiver, wenig attraktiver Arbeit zu befreien, um ihnen damit zu ermöglichen, relevante und exklusive Recherchen zu verfolgen. Das Resultat wären mithin interessantere Jobs für Journalisten und fundiertere Storys.

Die Skeptiker warnen: Smarte Technologien seien allein schon deshalb suspekt, weil sie ebenfalls zur Produktion und Distribution von Fakenews und Fakevideos verwendet, also zur Desinformation und Manipulation von Medienkonsumenten eingesetzt werden können und eingesetzt werden. Die Ironie dabei: dass wiederum künstliche Intelligenz genau diese Falschmeldungen erkennen und neutralisieren soll. Das geschieht derzeit mit zweifelhaft em Erfolg, wie die oft vergeblichen Versuche von Google und Facebook zeigen, ihre Plattformen von diesem toxischen Infomüll zu säubern.

Denn in vielen Fällen ist Artificial Intelligence schlicht noch zu wenig smart, um in der Praxis zu überzeugen. Sasha Koren, beim britischen «Guardian» Chefin des Innovationsteams, schreibt in einem Blogbeitrag: «Die viel gelobten Chat-Roboter für die Verbreitung von Nachrichten auf Facebook sind eine enttäuschende Erfahrung. Sie können nicht viel mehr leisten, als einfache Konversationselemente von Datenbanken abzufragen.»

Doch selbst wenn viele Automationstechnologien noch mangelhaft sind, ist unbestritten, dass künstliche Intelligenz und Datengewinnung in einem weiteren Feld der Publizistik einen Umbruch einläuten: bei der Verteilung von Inhalten an das Publikum eines Medientitels. Waren während der Printepoche die Leser den Journalisten und Verlagsleuten unbekannte Wesen, so stehen heute immer mehr und immer genauere Daten über die Nutzer und deren Verhalten zur Verfügung. Die Digitalisierung sorgt damit für eine ungekannte Nähe zwischen den Produzenten und Rezipienten von Informationen.

«Man hat sich nun zu entscheiden: die Entwicklung mitzugestalten – oder sich von ihr überrollen zu lassen.»

Ein Strom von Nutzerdaten

Dabei handelt es sich um einen Strom an Nutzerdaten, den in der Branche niemand mehr ignorieren kann oder will. Dies jedenfalls stellt der «Digital News Report 2017» des Reuters Institute fest: 90 von 150 für den Report befragten Medienmanagern aus 25 Ländern wollen in datengetriebene und von künstlicher Intelligenz unterstützte Technologien investieren. Ziel dieser Anstrengungen: dank smarten Daten aus Gelegenheitsbesuchern loyale Nutzer zu machen.

Nachrichtenorganisationen kämpfen einen gnadenlosen Kampf. Sie kämpfen um unsere Aufmerksamkeit. Gute Inhalte allein reichen da nicht. Denn Medientitel konkurrieren mit globalen Technologieunternehmen, die einen grossen Vorsprung in der Verwendung von Datentechnologien haben.

Netflix, Amazon und Facebook haben perfekt auf das Publikum zugeschnittene Produkte geschaffen, indem sie das zukünft ige Verhalten der Benutzer gewissermassen vorhersagen. Je mehr Daten sie sammeln, desto mehr verfeinern sie diesen Prozess. Facebook beispielsweise gelingt es in den USA, mit seinem hochpersonalisierten Newsfeed rund 20 Prozent der Zeit für sich zu beanspruchen, die Nutzer im Internet verbringen. Wenn Medienorganisationen in dieser Konkurrenz bestehen wollen, müssen sie ihr Publikum ähnlich gut kennen.

«Ist dieser Artikel lesenswert?»

Schon Anfang 2017 umgesetzt hat «Tages-Anzeiger online» ein eigenes Tool zur systematischen Gewinnung expliziter Leserfeedbacks. «Ist dieser Artikel lesenswert?», werden am Ende jedes Beitrags die Leser gefragt, und mit einem Klick können diese ihr Urteil fällen. Sofort ist zu sehen, wie das Ergebnis der Gesamtleserschaft ausfällt: Zwei blaue Balken zeigen den Anteil der Ja- und der Nein-Stimmen und somit, wie zufrieden die Leserschaft mit dem Beitrag ist. Mittlerweile ist diese Wertungsfunktion bei allen Newsnet-Sites, dem Netzwerk der Newsplattformen der Tageszeitungen von Tamedia, aufgeschaltet.

Die sorgfältige Analyse von Nutzerdaten ist der entscheidende Schritt zu einem erfolgreichen Premium-Content-Geschäft . Seit einiger Zeit sind auf den Newsnet-Sites pro Tag vier Beiträge als sogenannte «Abo+»-Artikel aufgeschaltet; das bedeutet, nur Abonnenten können sie lesen; Nichtabonnenten müssen einen Tagespass lösen, wollen sie ebenfalls Zugang zu diesen besten Stücken haben.

Eine naheliegende Frage ist: Ist die Nutzerbewertung ein geeignetes Mass dafür, die Zahlbereitschaft der User einzu-schätzen? Konkret: Lässt sich ein gut bewerteter Artikel gut als Premium-Content verkaufen? Bei Tamedia entwickelten Datenwissenschaft ler entsprechende Algorithmen und Metriken. Eines der Ziele ist, die Zahlungsbereitschaft der Nutzer bei einem bestimmten Artikel im Voraus zu kennen, um ihn dann, bei Aussicht auf Erfolg, der idealen, sprich: kaufbereite Zielgruppe auszuliefern. Anders gesagt: ausgehend von der Lesehistorie diejenigen Userinnen und User identifizieren, die mit überdurchschnittlicher Wahrscheinlichkeit ein Abonnement abschliessen.

Erste Auswertungen des «Abo+»-Programms auf den Newsnet-Sites zeigen, dass Premium-Artikel mit hoher Leserbewertung auch eine gute Konversionsrate aufweisen. Es sind dies oft Geschichten, die nahe an den Leserinnen und Lesern dran sind: Servicegeschichten mit einem direkten Nutzen, aber auch lebensnahe Geschichten mit grossem Erkenntnisgewinn. Eine direkte Korrelation von journalistischer Qualität,Leserzufriedenheit und Vermarktbarkeit ist Beleg dafür, dass eine Premium-Strategie bei Qualitätstiteln aufgehen kann.

Enormes Potenzial

Der Einsatz von Algorithmen und Artificial Intelligence auf Redaktionen steht erst am Anfang, das Potenzial für künftige Anwendungen scheint enorm. Trotzdem stellt sich die Frage, ob künstliche Intelligenz und Soft ware – mögen sie noch so smart sein – den Markenkern und die Identität einer Qualitätszeitung darstellen sollen.

Noch sind es die Journalisten, die mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen das publizistische Angebot von Qualitätsmedien bereitstellen und prägen. Und damit den entscheidenden Unterschied zu automatisierten Plattformen wie Facebook oder Twitter darstellen. Während bei diesen Algorithmen die Auswahl und Gewichtung von Themen bestimmen, ist es kaum vorstellbar, dass unermüdlich schreibende Roboter die Agenda des öffentlichen Diskurses bestimmen.

Doch Journalistinnen und Journalisten tun gut daran, sich heute auf ihre neuen Kollegen, auf die Zusammenarbeit mit Robotern, einzustellen. Denn sie werden damit neuen Anforderungen zu genügen haben. «Ausbildung und Weiterbildung werden an Bedeutung nochmals gewinnen», sagt Diego Yanez, Direktor der Schweizer Journalistenschule MAZ. «Journalisten und Journalistinnen werden sich anspruchsvolle technische Grundkenntnisse erwerben müssen, vor allem im Bereich der Datenrecherche.» Eines jedoch bleibe auch in Zukunft gleich – trotz künstlich intelligentem und smart automatisiertem Journalismus: «Schreibende werden auch in Zukunft ein sicheres Gefühl für Geschichten haben müssen.»

Eine gute Story bleibt eine gute Story.

«Journalisten und Journalistinnen werden sich anspruchsvolle technische Grundkenntnisse erwerben müssen, vor allem im Bereich der Datenrecherche.»

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Das richtige Angebot für jeden Kunden

Die Tageszeitungen von Tamedia haben im Sommer 2017 das sogenannte Premium-Modell eingeführt. Täglich sind eine Handvoll «Abo+»-Artikel auf den digitalen Plattformen nur für zahlende Kunden zugänglich. Nichtabonnenten müssen einen digitalen Zugang kaufen, (beispielsweise Zugriff für 24 Stunden mit einem Tagespass), wollen sie diese ausgewählten Beiträge lesen.

Im Dezember 2017 wurden dank «Abo+» wöchentlich über 1600 neue zahlende Kunden gewonnen. Gut funktioniert haben dabei Service-themen, lebensnahe Geschichten und regionale Inhalte. Entscheidend war die Einführung neuer Abomodelle wie Tagespass (2 Franken für 24 Stunden Zugriff) oder Mobile-App-Abo (9 Fran-ken pro Monat), womit speziell jüngere Zielgruppen überdurchschnittlich erreicht werden.

Medienhäuser haben den Vorteil, dass sie sowohl das Produkt als auch den gesamten Verkaufsprozess selber kontrollieren. Hochwertige redaktionelle Plattformen (Websites, Apps, Newsletter) sind ein ideales Umfeld für zahlungspflichtige Inhalte. Diesen Trumpf gilt es in Zukunft noch besser auszuspielen, sei es mit einem Ausbau der personalisierten Artikelempfehlungen («Was Sie verpasst haben»), neuen zielgruppenspezifischen Angeboten (wie der Best-of-App #12 oder dem City-Newsletter «Urbani») und neuen Abrechnungsmodellen (etwa Vereinfachung Check-out-Prozess und Akzeptanz neuer Zahlungsmittel).

Wie im E-Commerce gilt auch bei digitalen Inhalten: Wer es schafft , dem richtigen Kunden zum richtigen Zeitpunkt ein gutes Angebot zu machen, wird von der steigenden Zahlungsbereitschaft im digitalen Umfeld profitieren.

Die Zahlungsbereitschaft für digitale Inhalte ist besser als angenommen. Das zeigen zahlreiche Studien, aber auch die positive Entwicklung von Netflix, Spotify und die Erfahrungen bei Tamedia. Entscheidend dabei sind einzigartige Inhalte und einfache Abrechnungsmodelle.

Text: Marc Isler (Leiter Digital Sales Development Tamedia)

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