Der Journalist und Tamedia-Verwaltungsrat Konstantin Richter (links) im Gespräch mit VR-Präsident und Verleger Pietro Supino.

Der «Tages-Anzeiger» und Tamedia werden 125 Jahre alt, du bist seit gut zehn Jahren Verleger. Erinnerst du dich noch an deinen ersten Arbeitstag?
Pietro Supino: Ich erinnere mich, dass der damalige «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Peter Hartmeier und Reporter Constantin Seibt ein Interview mit mir gemacht haben. Das war ein ziemlicher Eiertanz, weil ich noch nie ein Interview gegeben hatte. Und auch für die Journalisten war es ungewöhnlich, den eigenen Verleger zu interviewen. Danach hat mir Constantin Seibt ein Merkblatt gemacht. Er hat mir Tipps gegeben, wie man sich bei Interviews geschickt anstellt.

Vor genau 125 Jahren wurde die erste Ausgabe des «Tages-Anzeigers» publiziert. Damit begann die Geschichte von Tamedia, dem führenden privaten Medienhaus in der Schweiz. Verwaltungsratspräsident Pietro Supino redet über seine Rolle als Verleger und den radikalen Umbruch in der Medienlandschaft.

Interview: Konstantin Richter

Was hat er dir denn geraten?
Er hat zum Beispiel gesagt, dass der gefährlichste Moment am Ende kommt, wenn man glaubt, das Interview sei schon vorbei.

Und? Hat das Merkblatt geholfen?
(Supino geht zum Schreibtisch und holt einen Zettel aus einer Schublade): Ich habe es immer noch griffbereit.

Wenn ich Interviews mit dir lese, habe ich aber das Gefühl, dass du nicht gerne interviewt wirst. Du wirkst längst nicht so locker wie im Zwiegespräch oder auch im Verwaltungsrat.
Ja, das stimmt, ich suche den öffentlichen Auftritt nicht. Es ist der Teil meiner Arbeit, der mir am wenigsten liegt. Aber ich habe mich daran gewöhnt, dass man als Verleger eine öffentliche Figur ist; ich habe gelernt, damit umzugehen, und bekomme in letzter Zeit sogar Komplimente für meine Auftritte. Als Verleger, der über eine gewisse Macht verfügt, muss man wahrnehmbar und fassbar sein. Sollte ich am Ende aber noch eitel werden dabei, musst du mich bitte davon abbringen.

Versprochen. Was magst du denn dann an der Verlegerarbeit?
Mir gefällt die Vielschichtigkeit. Barnaby Skinner, unser Chefdatenjournalist, hat kürzlich in der «SonntagsZeitung» den deutschen Autor Fritz J. Raddatz zitiert. Wart mal ... (sucht auf seinem Telefon nach dem Artikel), hier: «Der wahre Verleger muss Vater und Mutter sein, Amme und Zuchtmeister, Gläubiger und Fordernder, Duellant und Sekundant, Beichtvater und Ministrant, Heiliger und Hurenbold ...»

Du bist Heiliger und Hurenbold?
Na ja, ich wäre jetzt nicht auf die exakte Formulierung gekommen. Aber es stimmt eben, dass man als Verleger sehr verschiedene Aufgaben und Rollen hat. Ausserdem habe ich jeden Tag mit vielen interessanten Leuten zu tun – im Haus und auch ausserhalb. Natürlich geht mit der Aufgabe eine grosse Verantwortung einher, die ich aber als Privileg empfinde. Wir schaffen als Verlegerfamilie die Voraussetzung dafür, dass Redaktionen ihre Arbeit leisten und Menschen auf dem Laufenden bleiben. Dass sie sich umfassend informieren und sich eine eigene Meinung bilden können.

Wir stammen beide aus dieser Verlegerfamilie, sind mit dem Unternehmen aufgewachsen. Aber das Verlegerwerden kann man nicht studieren. Du bist ausgebildeter Jurist, hast jahrelang als Bankier gearbeitet. Wie würdest du deine Entwicklung zum Verleger beschreiben?
Ich musste mich umstellen. Bevor ich Verleger wurde, war ich für ein Semester an der Columbia Journalism School, an der du ja auch studiert hast. Und ich habe viel über Medien und die Medienentwicklung gelesen, tue es immer noch. Trotzdem hat es lange gedauert, bis ich emotional angekom-men bin. Heute kann ich sagen, dass der Journalismus meine Passion geworden ist. Aber wie war es denn bei dir? Du bist als Journalist in unseren Verwaltungsrat gekommen, hast also den umgekehrten Weg gemacht.

«Die Publizistik ist seit 125 Jahren der Kern unseres Familienunternehmens.»
Pietro Supino

Das stimmt. Anfangs habe ich im Verwaltungsrat fast ausschliesslich die Perspektive der Journalisten vertreten. Inzwischen sehe ich das Unternehmen als Ganzes und interessiere mich auch sehr für die nicht publizistischen Aktivitäten. Und ich habe eingesehen, dass nicht jede Veränderung gleich die Qualität eines Titels beeinträchtigt. Wobei: Man muss bei diesen Dingen immer wieder aufs Neue überlegen, was vertretbar ist und was nicht.
Umso mehr als sich die Medienwelt grundlegend verändert. Wir versuchen derzeit, unsere Kräfte zu konzentrieren und in Kompetenzzentren zu bündeln. Auch wenn wir dafür kritisiert werden: Wir wollen dafür sorgen, dass bei uns die Qualität im Journalismus trotz rückläufigen Einnahmen erhalten bleibt, nach Möglichkeit sogar gesteigert werden kann.

Du meinst das Projekt 2020. Was sagst du denn zur Kritik daran?
Es gibt dabei zwei Fragen, die mich besonders beschäftigen. Zum einen die Medienvielfalt. Denn durch unsere Reorganisation geht Vielfalt verloren. Und Vielfalt ist ein Teil der Qualität der Medienlandschaft. Aber ich halte das in der Schweiz für vertretbar, denn wenn man das Ganze betrachtet, gibt es eine enorme Vielfalt an Informationen, und es kommen laufend neue Medien dazu, die uns Konkurrenz machen. Auch hat die Vielfalt innerhalb einzelner Medien zugenommen. Die meinungsbildenden Titel sind keine Parteiorgane mehr, sondern Plattformen für eine Vielzahl von Stimmen und Perspektiven. Darum sehe ich die Vielfalt insgesamt nicht in Gefahr.

Und die andere Frage?
Die andere Frage ist die der Identität der einzelnen Titel. Das ist ein sensibler Punkt. Die Identität ist für unsere Leserschaft genauso wichtig wie für unsere Mitarbeitenden. Wenn wir Redaktionen zusammenlegen, betrifft es ihre Identität und die Identität unserer Publikationen. Darum ist es entscheidend, dass wir in der neuen Struktur – also mit dem Bündeln von Ressourcen – einen besseren Journalismus ermöglichen und damit eine neue Identität schaffen. Das ist die grosse Herausforderung. Wenn es nicht gelingt, dann wird man zu Recht sagen, wir hätten Werte zerstört. Wenn es aber gelingt, und die ersten Erfahrungen sind positiv, schaffen wir damit eine starke Basis für die Zukunft des Journalismus in der Schweiz.

Als wir das Projekt 2020 im Verwaltungsrat zum ersten Mal diskutiert haben, haben wir beide gesagt, dass wir bei einer derart einschneidenden Reorganisation nicht nur auf die Effizienz schauen können. Es muss auch ein Mehrwert entstehen.
Darum bemühen wir uns schon seit Jahren. Wir haben zum Beispiel den investigativen Journalismus gefördert. Einer der schönsten Anlässe war zuletzt das 5-Jahr-Jubiläum unseres Recherchedesks in Bern. Wir haben auch frühzeitig in den Datenjournalismus investiert. Dadurch haben wir erkannt, dass die technologische Entwicklung zwar das traditionelle Geschäft smodell der Zeitung unter Druck setzt, aber auch neue Möglichkeiten für den Journalismus eröffnet. Und wir haben das Handbuch «Qualität im Journalismus» entwickelt, um der Frage, was die viel diskutierte Qualität eigentlich ausmacht, auf den Grund zu gehen.

Ich denke ebenfalls, dass Tamedia viel für den Journalismus tut und dass das von der Öffentlichkeit nicht immer wahrgenommen wird. Vielleicht ist das eine Frage der Aussendarstellung. Das Recherchedesk. Das Qualitätsmonitoring. Das Tamedia-Datamining. Das klingt kühl, fast technokratisch…
Mag sein. Kritiker, die sich für die Einführung einer staatlichen Medienförderung einsetzen, behaupten immer wieder, dass uns der Journalismus nicht am Herzen liege. Oder dass wir unsere Zeitungen sogar verkaufen wollten. Das ist völlig falsch. Die Publizistik ist seit 125 Jahren der Kern unseres Familienunternehmens.

Wir haben in den letzten Jahren aber auch viel in unsere nicht publizistischen Aktivitäten investiert. Was meinst du, was Wilhelm Girardet…
…unser Ururgrossvater und der Gründer des Unternehmens…

…sagen würde, wenn er das Unternehmen heute sehen würde. Das ist ja nicht mehr nur der «Tages-Anzeiger», sondern auch Jobs, Tutti, Doodle…
Er hätte bestimmt Freude daran. Im Grunde genommen entspricht das, was wir tun, seinem Grundgedanken. Die Publizistik ist der Kern. Der Werbemarkt war immer schon das zweite Standbein, darum jetzt auch Goldbach. «20 Minuten» passt gut zu unseren Ursprüngen als Generalanzeiger. Und mit den Rubrikenplattformen und Marktplätzen jobs.ch, homegate.ch, tutti.ch und ricardo.ch konnten wir das Kleinanzeigengeschäft in die digitale Welt überführen. Dazu kommen Start-ups wie Zattoo, Doodle, Starticket oder Olmero und Renovero. Und unsere Ambition ist natürlich, dass das Ganze harmoniert und mehr wert ist als die Summe der Einzelteile.

Kommen wir zum Schluss. Das ist – wie du weisst – der Moment für die gefährlichen Fragen. Gibt es eine Frage, die besonders schwierig zu beantworten wäre?
Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, die ich aber nicht beantworten kann, ist, wo wir in zehn und in zwanzig Jahren stehen werden, wie wir unseren publizistischen Qualitätsanspruch erreichen können. Wir sind heute in der besten Position, um auch dann noch guten Journalismus machen zu können. Das, die Kompetenz unserer Mitarbeitenden, das Vertrauen unserer Leserinnen und Leser, das Engagement unserer Familie motiviert mich und stimmt mich zuversichtlich. Manchmal mache ich mir aber auch Sorgen. Wilhelm Girardet dürft e es nicht anders gegangen sein. Ungewissheit gehört zum Unternehmertum. Sie ist ja auch nichts Negatives, sondern sie bedeutet, dass der Ausgang offen ist. Im Grunde genommen ist es schön, nicht immer zu wissen, wohin die Reise führt.

Konstantin Richter

(geboren 1971) ist seit 2004 Mitglied des Tamedia-Verwaltungsrats.

Er begann seine Laufbahn 1997 als Redaktionsassistent der Medienfachzeitschrift «Columbia Journalism Review» in New York. Danach arbeitete er als Reporter für das «Wall Street Journal» in Brüssel, und von 2004 bis 2005 war er Co-Geschäft sführer des Verlags Rogner & Bernhard in Hamburg und Berlin. Heute lebt er als freier Autor und Journalist in Berlin. Er ist Autor der Bücher «Bettermann» (2007), «Kafka war jung und brauchte das Geld» (2011) und «Die Kanzlerin – Eine Fiktion» (2017). Er schreibt für die «Zeit», die «Welt» und das US-Nachrichtenportal «Politico». Für eine Reportage in der «Zeit» erhielt er 2011 den Deutschen Reporterpreis. Konstantin Richter hat seinen Bachelor in Englischer Literatur und Philosophie an der Universität Edinburgh gemacht und das Masters-Programm der Columbia University Graduate School of Journalism in New York absolviert.

Konstantin Richter

Pietro Supino

(geboren 1965 in Mailand) ist seit gut zehn Jahren Verwaltungsratspräsident der Tamedia AG und Verleger ihrer Publikationen.

Als Enkel von Werner Coninx und Sohn von dessen Tochter Rena Coninx sowie Neffe des vorherigen VR-Präsidenten Hans Heinrich Coninx gehört er zur fünften Generation der Verlegerfamilie, welche bis heute die Mehrheit an der Tamedia AG hält. Pietro Supino studierte Rechts- und Wirtschaft swissenschaft en an der Universität St. Gallen und an der London School of Economics und verfasste 1994 eine Dissertation zum Thema Rechtsgestaltung mit Trust aus Schweizer Sicht. Er ist Inhaber des zürcherischen Anwaltspatents und eines Masters of Law. Nach einer Karriere im Bankensektor bereitete sich Pietro Supino auf seine Verlegerrolle unter anderem mit einem Semester an der Columbia Journalism School vor.

Pietro Supino

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